Andreas Wölfl

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Meine Gedanken zu Öl, Öl-ETFs, Öl-ETPs, Öl-CFDs, Öl-Futures und warum die Zeit reif ist für actively managed non-transparent ETFs

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26.04.2020

Die Woche war ein historischer Moment. Der WTI Oil Future Kontrakt, die Benchmark für US Öl, ist erstmals in der Geschichte unter Null gefallen. Das hat mehrere Gründe und wird wohl noch zu zahlreichen Untersuchungen führen.

Einer der Gründe ist sicherlich in dem vereinfachten Zugang zu Öl-Investments für Retail-Anleger zu suchen. CFD Provider haben aktiv mit Öl-CFDs geworben und ich bin - auch ob einiger Diskussionen in unserer Aktien-Tipp Facebook Gruppe - überzeugt dass die meisten nicht verstehen wie ein Öl Future und ein CFD auf einen Öl-Future funktionieren. Ein Future ist ein Termingeschäft, bei dem an einem festgelegten Tag, im Fall des berühmt gewordenen Mai-Futures auf WTI war das Dienstag der 21. April, das Produkt abgenommen werden muss. Wer den Future also am 21.4. im Depot hat, der musste das Öl phyisisch nehmen. Deswegen, und nur deswegen, haben alle CFD Broker und auch die meisten Online-Broker die Regel, dass nicht-professionelle Anleger welche den Future einen Tag vor physischer Lieferung noch halten zwangsverkauft werden. Das hat zu einer Verkaufswelle am 20. April geführt der keine Kaufwilligen gegenüberstanden. Der Onlinebroker interactive brokers etwa hat bereits veröffentlicht, dass rund 88 Millionen USD abgeschrieben werden - das ist nur der Betrag den die Kunden von interactive an diesem Tag in Öl verloren haben UND der nicht durch Guthaben gedeckt werden kann. Man kann sich also vorstellen, dass die Gesamtverluste der ib Kunden weit höher war als der ungedeckte Betrag. Und ib ist nur einer von vielen Brokern.

Was neben den CFDs auch an Beliebtheit zugenommen hat sind Öl-ETFs/ETPs. In den USA sind Öl-ETFs zulässig. In Europa können keine Fonds mit nur einem Investment aufgelegt werden und daher werden sie hier als "ETCs - Exchange Traded Commodities" begeben. Das sind rechtlich Schuldverschreibungen die an die Entwicklung der Öl-Future gekoppelt sind und eine Besicherung gegen das Emittentenrisiko haben. Beiden Ausgestaltungen ist aber gemeinsam, dass hier NICHT in Öl investiert wird. Es wird in Öl-Futures investiert und diese werden nach einen transparenten Regelwerk umgeschichtet (also bevor z.B. der Mai-Kontrakt zur Lieferung kommt wird dieser verkauft und dafür der Juni Kontrakt gekauft (United States Oil Fund) oder es wird nicht monatlich umgeschichtet sondern immer nur in die liquidesten Kontrakte Juni und Dezember investiert (der Öl-ETP von BNP Paribas). Was bedeutet das? Einerseits, dass ein Öl-ETP eben NICHT den Ölpreis 1:1 abbildet. Da die Futurekontrakte in der Zukunft teurer sind als die kurzfristigen Kontrakte entstehen bei jeder Umchichtung (dem "Rollen") Verluste. Diese sind über die Zeit deutlich höher als die Verwaltungskosten des ETP selbst. Wer beispielsweise glaubt dass Öl bis Jahresende um 50% steigen wird, kann davon NICHT profitieren. Die Rollkosten sind derzeit so hoch, dass ein 50% Anstieg im Ölpreis dennoch zu einem Verlust beim Öl ETP führen würde. 

Ich denke allerdings, dass der historische Verfall auch zu einem Umdenken der ETF-Industrie führen wird. Wir erinnern uns, die Grundidee des ETF/ETP ist es einen Index oder Basiswert möglichst 1:1 abzubilden. 100% Regelbasiert und 100% transparent. Das ist auch toll, wenn ich an der Entwicklung z.B. des amerikanischen Aktienmarktes partizipieren möchte. Oder einer speziellen Branche wie Pharmaaktien. Es ist aber vollkommener Unsinn bei Produkten wie Öl! Hier bedeutet die Transparenz nämlich nicht ein mehr an Anlegerschutz, sondern ganz im Gegenteil: Da  das Regelwerk öffentlich ist, kann bei jedem ETP ausgerechnet werden wann welche Umschichtungen stattfinden. Ein Hedgefund kann also z.B. inklusive dem Wissen wieviele Assets gerade im jeweiligen ETP sind genau ausrechnen wann wieviele Kontrake am Markt verkauft und in welcher Laufzeit neue Kontrakte gekauft werden. Und diese Information lässt sich natürlich ausnutzen - insbesondere in Phasen wo die ETPs zu einem der bedeutendsten Player am Markt aufgestiegen sind und ihre Orders eben Einfluss auf den Markt haben oder haben können. Das lässt sich ausarbitrieren (ist natürlich nicht leicht, aber für einen darauf spezialisierten Hedgefund möglich. Zumindest ein sehr lukratives Chance/Risikoprofil). Es lässt sich auch Geld damit verdienen die Rollkosten genau dann in die Höhe zu treiben, wenn die ETPs umschichten. Dazu ein Beispiel: Der United States Oil Fund ist der grösste Öl-ETF in den USA. Er trackt den WTI Future. Das Volumen (Anzahl der ausgegebenen ETF Anteile) hat sich seit Jahresanfang rund verdreifacht. Auffallend: Rund 1/6 der Anteile ist derzeit geshortet. Wer shortet ETF-Anteile? Einerseits Hedgefunds die eben wissen, dass durch die Rollkosten selbst bei einem 50%igen Anstieg des Ölpreises der ETF noch an wert verliert. Vielleicht aber auch welche, die durch geschickte Transaktionen an den Futuremärkten dafür sorgen wollen dass die Rollkosten genau dann wenn umgeschichtet wird besonders hoch sind - was den ETF erst recht in die Knie zwingt.

Fazit: Der historische Preisverfall im Öl könnte die Geburtsstunde einer neuen Generation von ETPs werden - nämlich nicht-transparente aktiv verwaltete ETPs. Es macht überhauptkeinen Sinn, nein es läuft Anlegerinteressen sogar zuwider, dass hier transparent und regelbasiert investiert wird und mit entsprechendem Research Hedgefunds die Umschichtungstage und Volumina berechnen und ausnutzen können. Es macht auch keinen Sinn horrende Rollgebühren zu bezahlen. Viel sinnvoller für Anleger wäre ein Öl, oder noch besser Energy ETP bei dem diskretionär entschieden werden kann ob gerade z.B. in US Öl Futures (WTI) oder Futures auf die Nordsee-Sorte Brent oder den japanischen Öl-Future investiert wird. Und ob nun vom Juni in den Juli, oder vielleicht in den September oder gleich Dezember Future gerollt werden soll. Und der diskretionär auf ein gutes "Fenster" mit geringen Rollkosten waren kann und dann vielleicht schon im Oktober Dezember-Futures auf WTI in Juni 2021 Futures auf Brent rollen kann. Noch besser aus meiner Sicht wäre es neben Öl auch andere Energy-Commodities hinzuzunehmen, z.B. Heizöl, Erdgas etc.

Disclaimer: Artikel die ich in diesem Blog poste stellen keine Anlageberatung dar und auch keine Aufforderung zum Kauf von Finanzinstrumenten. Investoren, insbesondere nicht-professionellen Anlegern, wird empfohlen professionelle Anlageberater zu konsultieren, bevor sie in Wertpapiere investieren.